Gegenwart / KZ Mühlenberg
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Das KZ Mühlenberg

Am 3. Februar 1945 wurden fünfhundert Häftlinge zu dem sogenannten Arbeiterlager im Südwesten Hannovers geführt. Es war das größte der insgesamt 8 Fremdarbeiterlager, die zu Zeiten des Krieges zu einer Lagergemeinschaft zusammen gefaßt waren. Dieses KZ lag direkt an der Landstraße nach Hameln, der heutigen B 217, unweit der Ortschaft Wettbergen, auf gleicher Höhe wie der noch junge Stadtteil Oberricklingen.

Das Lager existierte seit 1942, und beherbergte durchschnittlich 3300 Menschen aus über 10 Nationen. Allerdings waren die ausländischen Fremdarbeiter nicht freiwillig in Deutschland, sondern zwangsverpflichtet oder verschleppt.
Beschäftigt wurden sie in den Betrieben der näheren Umgebung, z.B. Hanomag, Schmidding, Vereinigte Leichtmetallwerke und der Reichsbahn (Bahnhof Fischerhof).

Gedenktafel
Gedenktafel am ökumenischen Kirchenzentrum Mühlenberg

Das Lager bestand aus insgesamt 40 Holz- und Steinbaracken, wobei das KZ den nördlichen Abschluß des Zwangsarbeiterlagers bildete. Das KZ bestand aus 10 leicht gebauten Blöcken, die alle von einem Drahtzaun umgeben waren. Sie standen alle hintereinander parallel zur Hamelner Chaussee. Ihre Giebelseiten ließen nur schmale Zwischenräume bis zum Zaun, zwischen den einzelnen Blöcken aber gab es Freiflächen von ca. 30 Metern.
Die Eingänge zu den Häftlingsunterkünften befanden sich auf der Straße zugewandten Seite. Der Stacheldrahtzaun umgab nur den Häftlingsbereich. Die erste Baracke in den die SS- Leute und die Marienesoldaten untergebracht waren, lag außerhalb der Umzäunung. Ein Wachhäuschen befand sich am Eingang des Lagers, und an der Nordseite standen einige Wachtürme. Das benachbarte Arbeiterlager war durch einen schmalen Korridor abgetrennt, in dem die Wachmannschaften patrouillierten.

Als die Häftlinge in das Lager einmarschierten, fehlten in den meisten Baracken die Fenster und Türen, die Aborte waren defekt, Wasser - und Lichtleitungen unterbrochen und der Boden knöcheltief verschlammt. In den Baracken selbst fehlte es an Bettstellen und Decken. Die erste Nacht verbrachten alle Insassen auf dem Fußboden. Am nächsten Tag wurden dann Strohsäcke und Decken herangebracht. Die Häftlinge mußten sie selbst aus den Eisenbahnwaggons mit Hilfe eines LKWs heranschaffen. Und auch in den nächsten Tagen waren sie damit beschäftigt das Lager in halbwegs bewohnbaren Zutand zu versetzten.

Der Drahtzaun mußte repariert und unter Strom gesetzt werden, an den Ecken des Lagers wurden hohe Pfähle gesetzt um Scheinwerfer anzubringen, die das Lager auch nachts taghell erleuchten sollten. Kommandos gingen in die Stadt, um aus den Kriegstrümmern, Brauchbares zu organisieren, wie z.B. Fenster und Türen. Schutt und Schlacke wurde angefahren um den Boden begehbar zu machen.
Bettkästen - immer drei übereinander - wurden gebaut und mit Holzwolle ausgekleidet, Aborte und Waschhaus mußten wieder repariert werden und aus dem KZ Stöcken wurden die ersten Vorräte für die Küche geliefert. Innerhalb einer Woche hatten die Häftlinge somit das Lager einigermaßen wieder benutzbar gemacht. Nun konnte das „normale“ Lagerleben wieder beginnen, das 3 Wochen seit dem Aufbruch aus Laurahütte unterbrochen war.

Die Häftlinge wurden von 11 SS- Männern und etwa 40 Marienesoldaten bewacht. Die engere Kontrolle fand durch eine kleine Gruppe SS-Angehöriger statt. Die Marineabteilung hatte eine reine Wachfunktion. Kommandant des Lagers war Oberscharführer Quackernack. Sein Stellvertreter war wie in Laurahütte, der SS Oberscharführer Otto B. Die sogenannten Rapportführer waren im Wechsel die SS Rottenführer Rex und Grams. Weitere SS-Angehörige waren der aus Polen stammende SS Unterscharführer Plasa, und der SS Rottenführer Hans Reptschuk. Es gab auch noch einige Kroaten die zur SS-Truppe gehörten.

Über die Marinebewachungsmannschaft ist nur wenig bekannt. Selbst über die Bekleidung gibt es unterschiedliche Aussagen, einzig die Bewaffnung mit einem Karabiner 98 ist eindeutig belegt. Die Brutalität der SS-Männer ist an der Tagesordnung, wie in anderen Lagern dieser Art auch. Das Verhalten der SS wurden von vielen Dingen beeinflußt. Unter anderem von der Tatsache, dass sich einige profilieren wollten, um nicht an die Front zu müssen, denn keiner wollte mehr für den Führer in der Ferne sein Leben lassen. Somit wurden die Häftlinge erbarmungslos geschlagen, getreten und in einem fort angebrüllt.

Die 500 Häftlinge des KZ Mühlenbergs, waren nach Ihrer Ankunft in den Baracken 5 - 8 Untergebracht. Jeder dieser Blöcke hatte an beiden Seiten je 2 Stuben mit etwa 35 dreistöckigen Betten, einen Ofen und einen Tisch mit Bänken für vielleicht 10 Leute. Der Stubenälteste hatte Anspruch auf eine Schrank. Zwei Decken gehörten zu jedem Bett, eine als Lacken und eine zum Zudecken. Es ist anzunehmen, dass die „Bettwäsche“ während des Häftlingsaufenthaltes nicht gereinigt wurde. Aus diesem Grund hatten die Gefangenen auch unter reichlich Ungeziefer zu leiden. Die Bekleidung der Häftlinge litt dementsprechend ebenso. Schuhe besaßen die meisten nicht, so, dass sich viele Lappen um die Füße wickelten. Lungenentzündungen, Hungerödeme und Entkräftung waren die Hauptleiden, mit denen die Häftlinge zu kämpfen hatten. Natürlich neben den täglichen Mißhandlungen im Lager selbst durch die SS und beim Arbeitseinsatz in den Fabriken.

Die Todesrate lag bei 5 - 10 Toten am Tag. Die meisten davon wurden auf dem Seelhorster Friedhof vergraben. Viele hatten auch schon den ersten Tag im Lager nicht überlebt, weil sie völlig entkräftet dort angekommen waren. So wurde berichtet, dass Wolf Sonnenschein bei der Ankunft in Hannover schon nicht mehr schnell genug auf den Beinen war, er stürzt unter Schlägen und Tritten der SS, seine Brille fiel zu Boden und wurde zertreten. Der polnischer Jude war ohne seine Brille völlig hilflos, weil er sehr kurzsichtig war. Er wurde in den Waschraum gestoßen, und so lange mit kaltem Wasser aus dem Schlauch bespritzt, bis er am Boden liegen blieb. Am nächsten Morgen lag er noch immer tot dort. Aber nicht alle Häftlinge wurden auf dem Seelhorster Friedhof bestattet. Zwei Häftlinge, die kurz nach der Ankunft im Lager verstorben waren, sind nicht weit von der Wettberger Mühle einfach so in der Erde verscharrt worden.

Laut Lageraufzeichnungen, starben in der ersten Woche 7 Häftlinge. In den nächsten 2 Wochen etwa 38 Gefangene. In den folgenden 4 Wochen sank die Sterberate geringfügig ab, so sind in den Wochen vom 27. Februar - 13. März, 19 Todesfälle verzeichnet, zwischen 14 März - 12 März, 17 Todesfälle. Die Gesamtzahl der aus dem KZ Mühlenberg stammenden und auf dem Seelhorster Friedhof bestatteten Häftlinge beträgt 79. Bis zu 8. März wurden sie noch im Krematorium verbrannt. Später dann in einem Massengrab verscharrt. Abgeholt wurden die Leichen mit einen Laster, nur in Papiersäcke gewickelt. Der damalige zuständige Bestattungsunternehmer weigerte sich dann aber bald die Toten wie „Vieh“ aufeinander gestapelt aus dem Lager abzuholen. Um der Masse der Leichen dennoch herr zu werden, wurden sie gestapelt in der Leichenhalle des Lagers zwischengelagert. Als dann der Transport zum Friedhof nicht mehr funktionierte wurden sie in Gruben in dem Lager selbst verscharrt. Es wurden auch Bombentrichter um das Lager herum für diese Zwecke genutzt.

Aufgrund der Nachfrage an Zwangsarbeitern in den Fabriken, der hohen Sterberate und den erforderlichen Nachschub an Häftlingen, kann man nicht mehr eindeutig nachvollziehen, wie viele Gefangene in dem Lager bis zur Evakuierung am 6. April 1945 vegetierten. Ein Großteil der Häftlinge wurde dann nach Bergen-Belsen geführt. Etwa 50 zurückgebliebene Kranke und Marschunfähige wurden von den SS-Wachen ermordet.

Links & Adressen
Artikel: Thomas Hettwer
Hettwer/Nöthel 2004
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