12. Ricklinger Kulturspaziergang

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Ein Bericht vom 12. Ricklinger Kulturspaziergang: Offene Pforte für W.A.Mozart
Ein Reisebericht nach 250 Jahren - wie starb Mozart?

Spaziergänge sind in Hannover eine beliebte Form der Bewegung: Gassigehen mit Vierbeinern durch die Ricklinger Masch und Walking durchs Ricklinger Holz. Es geht auch anders.

W.A. Mozart war immer in Bewegung. Sehr viel auf Reisen. Meist rastlos von Salzburg nach Mailand, London und Paris - natürlich wieder zurück. In den deutschen Städten wie Augsburg und München war er auch. Und das alles hat er in einer Kutsche erledigt. Als Wunderkind legte er zwischen 1763 und 1766 Tausende Kilometer zurück. Damals. Vor gut 250 Jahren.

Die über 80 Besucher des 12. Ricklinger Kulturspazierganges hatten es im Gegensatz zu Mozart viel angenehmer. In einem geheizten modernen Reisebus wandelten sie auf Mozarts Spuren von einem Aufführungsort zum anderen. Eingeladen hatte zur der Veranstaltung wie immer das Freizeitheim Ricklingen in Zusammenarbeit mit der Stiftung Edelhof Ricklingen, dem Kommunalen Sozialdienst Ricklingen, dem Staatstheater Hannover und dem Kulturzentrum Bauhof Hemmingen. Wer auf Reisen geht, kann viel erzählen, heißt es.

Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Vereinigten Aluminium Werke am Anfang der Göttinger Chaussee begann der Gang durch Mozart Leben, setze sich im ehemaligen Produktionszentrum der Discounterkette Plus in Bornum mit Arien fort. Der Spaziergang endete nach einer Reise mit dem Bus im Kulturzentrum Bauhof Hemmingen mit Improvisationstheater.

Und wie: Mozart als Mensch und seine Werke waren in Lesung, Musik und Improvisation allgegenwärtig - in unserer Zeit berieselnder Knopf-Druck-Musik-Sprache aus plärrenden Lautsprechern und blechtönenden Handys.

Spielort 1 - Eingangshalle Vereinigte Aluminium Werke:
Mozarts Leben und Mozarts Briefe

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Die Eingangshalle des ehemaligen Verwaltungsgebäudes zeigt sich würdevoll - fast schon sakral. In dem rechteckigen hochaufgeschossenen hallenden Raum erzählt der Schauspieler und Theaterpädagoge Gerd Zietlow über verschiedenen Stationen aus dem Leben von W.A. Mozart.

Spielort 1 Eingangshalle Vereinigte Aluminium Werke Eingangshalle Vereinigte Aluminium Werke Gerd Zietlow

Gestenreich werden die Passagen aus den Briefen vom Amadeus an seine Cousine (Bäsle), an die Mutter und den Vater sowie an seine Frau rezitiert. Zu hören ist eine Sprache von Mozart, die oft deftig und zotig ist - und mit den "unerlaubten" Wörtern sehr eindeutig.

Die Furz- und Arschpassagen der Bäslebriefe überraschen manchen Zuhörer, der Mozart anders kennt. Ist so W.A. Mozart gewesen - ausgelassen, frivol und obszön? Der Komponist der Kleinen Nachtmusik oder des Don Giovannis? Mozart tritt uns in vielen Gestalten entgegen, die Gerd Zietlow spielerisch mit seiner unverwechselbaren Mimik den konzentrierten Zuhörern entgegen bringt.

Am 5. Dezember 1791 stirbt W.A. Mozart nach kurzer Krankheit in Wien. Constanze Mozart, seine Frau, schreibt ins Stammbuch ihres Mannes," ...verließ er in seinem 36. Jahre - O! nur allzu frühe! - diese gute - aber undankbare Welt - O Gott!...".

Schade, dass nach knapp 45 Minuten die spannende Lesung schon zu Ende war. Zu gerne hätte man noch weitere Briefe gehört. Gott sei Dank sind die Briefe und Aufzeichnungen als Gesamtausgabe in acht Bänden (4492 Seiten!) erhältlich.
[Programminformationen - Spielort 1]

Spielort 2 - Produktionszentrum in Bornum:
Arien aus der Mozart-Oper "Figaros Hochzeit"

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Wurde am ersten Spielort gelesen, so kam im früheren Plus-Zentrallager das Singen und Spielen zu einem Musiktheater hinzu. Seit Mai 2005 ist das Staatstheater Hannover mit einer Probebühne dort eingezogen.

Eine ganz andere Atmosphäre als im vorangegangenen Spielort. Verhängte Betonwände, Requisiten und ein Konglomerat von großen und kleinen Lüftungsröhren geben der riesigen Halle eine eigentümliche Atmosphäre: Kunst, Arbeit und Produktion ergänzen und verschmelzen miteinander.

Spielort 2 - Produktionszentrum in Bornum Tatiana Bergh Die Hochzeit des Figaro Die Hochzeit des Figaro

Vier Studenten der Schauspielklasse von Prof. Carol Richardson-Smith der Hochschule für Musik und Theater Hannover führten Szenen aus der Oper von W.A. Mozart "Die Hochzeit des Figaro" auf. Es waren die Arie des Cerubino "Non so piu cosa son, cosa faccio", das Terzett (Graf, Susanna und Basilio) " Cosa sento!", das Duett (Susanna und Graf) "Crudel, perche fin ora" und die Arie des Grafes "Hai gia vinta la causa".

Die Hochzeit des FigaroDie Arien und Duette wurden auf italienisch gesungen, die Rezitative in deutscher Sprache. Wie schon bei der Uraufführung des "Figaros" am 28. April 1786 in Wien wurde das Quartett vom Klavier begleitet. Souverän meisterte Tatiana Bergh am Flügel die schwierige Klavierpartitur. Es war eine Glanzleistung von Mine Yücel (Cerubino), Norman Patzke (Graf), Anna Evans (Susanna) und Goetz Phillip Körner (Basilio). Bemerkungswert in der Ausgestaltung der Rollen unter diesen schwierigen akustischen Bedingungen in einer ehemaligen Produktionshalle vor Publikum zu singen und zu spielen. Die Zuhörer dankten mit einem kräftigen Applaus.

Die vollständige Oper von W.A. Mozart "Die Hochzeit des Figaro" wird übrigens am 4. März um 19.30 Uhr und am 5. März um 17.00 Uhr im Freizeitheim Ricklingen aufgeführt.
[Programminformationen - Spielort 2]

Spielort 3 - Kulturzentrum Bauhof Hemmingen:
Mozart einmal anders - Improvisationstheater

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Ein neues Bild. Zwei junge Schauspielerinnen und ein Schauspieler von der Schauspielgruppe "Impro Al Dente" stellten mit ihrem Improvisationstheater Mozart auf die Beine bzw. auf den Kopf - das Ganze natürlich abhängig vom eigenen Standpunkt. In drei Improvisationsakten wurden zu drei Oberthemen auf Zuruf aus dem Publikum entsprechende Begriffe von den Akteuren aufgenommen und nachgespielt. Gespannt waren die Zuschauer auf den Schluss der Improvisation: Der Tod von W.A. Mozart. Wie starb Mozart wirklich?

Spielort 3 Kulturzentrum Bauhof Hemmingen Impro Al Dente Impro Al Dente

Als Requisiten aus dem Publikum erhielten die Schauspieler ein Handy, einen Löffel und einen Handschuh. Danach wurden mit diesen drei Gegenständen die Szenen kurz angespielt. Das Publikum entschied sich für die Schlussszene, für den Handschuh. Und dann ging es los. Man ahnte schon was passieren würde. In der Tat näherten sich die beiden Damen dem Mozart von hinten, träufelten einige Tropfen auf den Handschuh, nahmen Mozart zwischen sich und drückten Amadeus mit der Kraft von zwei Frauen gegen den Oberkörper. Das Opfer Mozart hatte keine Chance. Kraftlos sank er zu Boden und starb. Wer aber waren die beiden Frauen?

Impro Al Dente
"Impro Al Dente": So starb Mozart

Die Schauspielgruppe spielte im Kulturzentrum Bauhof Hemmingen kreativ und amüsant: Katja Lieber, Lina Delgehausen und Dennis Improda. Das restaurierte ehemalige Bauernhaus im Hemminger Ortskern ist in jeden Falle empfehlenswert. Nicht nur aufgrund des vielfältigen Angebots von Theater, Kleinkunst, Ausstellungen, Lesungen und Konzerte, sondern auch durch das ehrenamtliche große Engagement der Mitarbeiter.
[Programminformationen - Spielort 3]

Epilog

Auf der Reise von München nach Wien starb Amadeus am 5. Dezember 1791 im jungen Alter von knapp 36 Jahren - in einem Armengrab beerdigt.

"Als man am 6. Dezember 1791 den schmächtigen, verbrauchten Körper Mozarts ins dürftige Grab senkte den Körper eines Menschen, der in den letzten Jahren Verkannt-, Vergessen- und Übergangen-Werden, Isolation und Vereinsamung erdulden musste- , da ahnte niemand, dass hier die sterblichen Überreste eines unfassbar großen Geistes zu Grabe getragen wurde..." (aus: Klappentext in Wolfgang Hildesheimer Buch Mozart, 1991, Insel Verlag).

Was hätte Mozart nicht noch alles komponiert, wenn er älter geworden wäre? Wir wissen es nicht, wir können es nur erahnen.
"Möchten Sie Mozart gewesen sein?", fragt der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel in seinem gleichnamigen Büchlein. Wohl kaum, zu stressig und unökonomisch erging es Mozart zu Lebzeiten. Um so mehr ist heute der ökonomische Erfolg der Musik von W.A. Mozart, von der CD bis zur Mozartkugel.

Mit dem 12. Kulturspaziergang "Offene Pforte für W.A. Mozart", der Oper "Figaros Hochzeit" im Freizeitheim Ricklingen und dem überragenden Mozartabend an seinem 250. Geburtstag in St. Augustinus haben sehr viele Menschen aus Hannover-Ricklingen W.A. Mozart ihre Referenz erwiesen. W.A. Mozart hätte bestimmt seine Freude gehabt!

Zu danken ist deshalb den Mitwirkenden und Initiatoren des 12. Kulturspaziergangs - allen voran dem Leiter des Freizeitheimes Ricklingen, Hartmut Herbst, für seine Idee und Koordination der Ricklinger Kulturspaziergänge. Und zu wünschen ist, dass viele Ricklinger mit der "Kultur im Stadtteil" weiterhin für und mit Kultur spazieren gehen. Ricklingen begeistert eben in vielen Dingen.

[Programminformationen zum 12. Ricklinger Kulturspaziergang]

Ricklinger Kulturspaziergang

Spielort 1: Gerd Zietlow begrüßt die Kulturspaziergänger/innen
Links & Adressen [x]

Spielort 2: "Figaros Hochzeit"

Spielort 2: Probenbühne im Produktionszentrum in Bornum

Hartmut Herbst, Laura Blanke und Andreas Fischer (v.l.)
Artikel & Foto: Winfried Dahn
Organist & Leiter der Reihe Musik in St. Augustinus - www.st-augustinus-hannover.de
Hettwer/Nöthel 2005